Spielfreude an der Digitalisierung

In Dortmund waren neben den Fußballpionieren immer schon auch die Technologiepioniere heimisch. Daran hat sich nichts geändert. Es sind sogar noch mehr geworden.

Das Megathema Digitalisierung hat viele Facetten. Manche denken vielleicht als Erstes an die Staumeldung auf ihrem Smartphone oder daran, die Umsatzsteuer online beim Finanzamt einzureichen. Aber das ist nur die Oberfläche. Das Gros dessen, was wir Digitalisierung nennen, spielt sich im Hintergrund ab, unsichtbar selbst für die, die tagtäglich damit zu tun haben.

Im Leitstand des Wirtschaftswandels

Der Abellio-Lokführer im neuen Rhein-Ruhr-Express verlässt sich zum Beispiel auf digitale Messtechnik. Hunderte von Sensoren sitzen an allen wichtigen Bauteilen und melden Verschleiß, noch bevor es zum Schaden kommt. Präventive Wartung nennt man dieses ganz neue Instandhaltungskonzept. Sie macht den Desiro HC so gut wie ausfallsicher. Er ist Siemens allererster komplett digitaler Zug. Passend dazu besitzt er auch das erste digitalisierte und damit völlig papierlose Eisenbahndepot – in Dortmund-Eving.

Eine Nummer größer ist die Smart Factory, die Wilo in Dortmund-Hörde errichtet. Der Weltmarktführer für Pumpen- und Pumpensysteme leistet an seinem Hauptsitz digitale Pionierarbeit und rüstet auf vollständig vernetzte, IT-gesteuerte Produktionsprozesse um. Gleich nebenan, an der Nortkirchenstraße, wird nun auch die Unternehmenszentrale neu gebaut: Das Future Office ist bereits in der Erprobung und hat alle Prozesse des Büroalltages digitalisiert.

Ein regelrechtes Digitalquartier entsteht im Dortmunder Hafen, unweit des Kompetenzzentrums für Logistik und Informationstechnologie e-port-dortmund. Entlang der Speicherstraße wird auf ca. 12 ha der Boden für innovative Projekte bereitet: Zu den konkreten Vorhaben gehören u. a. ein Gründungs- und Innovationscampus und die neue Akademie für Theater und Digitalität sowie der Lensing Media Port, in dem das Medienhaus seine Digitalstrategien verwirklicht. Bereits jetzt sind mit Mausbrand Informationssysteme und Tyde Studios Softwareentwickler und Coworking-Spaces in dem Areal zugange. So wird das neue Hafenquartier Speicherstraße zur Ideenschmiede für Digitalagenturen und digitale Gründer.

Wissenschafts- und Technologiecampus

Es ist also nicht nur der Technologiepark westlich des Stadions, wo sich Digitalisierung in aller Vielfalt zeigt. Ohne Frage ist hier aber die Hochburg der Dortmunder IT-Szene. Der Wissenschafts- und Technologiecampus zählt zu den Top 5 der Hightech-Adressen in ganz Europa. Nirgendwo in Deutschland werden so viele Informatiker ausgebildet. Kein Wunder, dass sich hier schon über 300 Unternehmen angesiedelt haben, in Tuchfühlung mit bestens ausgebildeten IT-Professionals – und ausgezeichneten Professoren. Wie Prof. Katharina Morik (s. u.). Die Inhaberin des Lehrstuhls Informatik ist Wegbereiterin für Big Data Mining – Datenanalyse im großen Stil. Für ausländische Studierende ist der englischsprachige Masterstudiengang Automation and Robotics erste Wahl. Prof. Sebastian Engell, der sie konzipiert hat, gilt weltweit als Koryphäe auf dem Gebiet der Prozessautomatisierung.

Ergo sind einige der im Technologiepark beheimateten Start-ups klassische universitäre Spin-offs. So wie die Dental Innovation GmbH, die eine Schlüsseltechnologie zur digitalen Erfassung von Kieferbewegungen entwickelt hat. Dadurch werden viel genauere Zahnprothesen möglich. Oder die Spacedatists GmbH, gegründet von zwei Diplom-Raumplanern. Sie spüren unter anderem für die RAG mithilfe von Drohnen und 3D-Laserscannern Bergsenkungen auf.

Zu den sechs Hochschulen gesellen sich mittlerweile zahlreiche Forschungsinstitute. Ganz neu ist das Kompetenzzentrum Maschinelles Lernen Rhein-Ruhr, einer von vier deutschen Knotenpunkten der Spitzenforschung im ML-Bereich. In der Digital.Hub-Initiative der Bundesregierung bearbeitet der hiesige Knotenpunkt den Themenbereich Logistics. Ein besonderes Profil hat das 2017 von der FH gegründete Institut für die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten (IDiAL). Hier forschen 50 Wissenschaftler in den Bereichen Automobilsoftware, Robotik, soziale Plattformen und Assistenzsysteme. Ihr Leitbild sind Lösungen, die dem sozialen Zusammenhalt dienen, der Gesundheit und lebenswerten Städten.

Smart City mit breiter IT-Expertise

Die Stadtverwaltung sitzt also direkt an der Quelle mit ihrem Vorhaben, Dortmund zu einer Smart City zu machen – vom „Masterplan digitale Verwaltung“ bis zur Digitalen Werkbank, die gezielt kleine und mittelständische Unternehmen adressiert. Für diese Stadtentwicklungsstrategie wurde Dortmund bereits zweimal ausgezeichnet. In der ganzen Stadt sind heute weit über tausend IT-Dienstleister ansässig. Seit den 2000er Jahren steigt ihre Zahl pro Jahr um durchschnittlich 27 Prozent.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung schon 1957. Damals gründeten Hoesch und 13 Mitgesellschafter die mbp GmbH in der Kleppingstraße, seinerzeit das erste Software-Systemhaus in Europa. Auch damals ging es darum, Betrieben, denen das Know-how fehlte, Beratungs- und Programmierungsdienste zu liefern. Mehr als ein halbes Jahrhundert später finden gerade mittelständische Betriebe in Dortmund eine Fülle spezialisierter Software-Anbieter. Während der Digitalen Woche wird viel Gelegenheit sein, den passenden zu finden.

Fachbeitrag von Isabelle Reiff im Auftrag von eMedia GmbH, einer Tochter der Heise Medien GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel erschien zuerst im #diwodo19-Magazin. 

Foto: Anke Sundermeier

“Die TU Dortmund ist für ihre Leistungen in der Datenanalyse international bekannter als national. Das liegt vermutlich an der Haltung im Ruhrgebiet. Hier drängelt man sich nicht in den Vordergund, sondern es wird erst einmal gearbeitet. Die Besonderheit des maschinellen Lernens in Dortmund ist, dass die Forschung hier von theoretischer Grundlagenforschung bis zu Entwicklung von Systemen und wieder zurück reicht.”

Prof. Dr. Katharina Morik, Expertin für Künstliche Intelligenz an der TU Dortmund, ist Sprecherin des Sonderforschungsbereichs “SFB 876” an der  Fakultät Informatik sowie des Kompetenzzentrums Maschinelles lernen Rhein-Ruhr. (ML2R).

sfb876.tu-dortmund.de
ml2r.de