Jenseits der Vorstellungskraft

Markus Rall, Viality

New Reality Tech kann einiges mehr als bloß Zeit vertreiben. Spaß darf es trotzdem machen – umso besser kommt’s an. In Dortmund stößt man auf Schlüsselfiguren.

Tausende Touristen aus allen Teilen der Welt – und das an einem einzigen Wochenende: So etwas schaffte in Dortmund bis dato nur die Meisterschale. Bis in der BVB-City so begehrte Pokémons wie Schlingking freigelassen wurden und 170.000 von Australien bis Italien ihre Stuben verließen, um in der Ruhrmetropole kleine Drachen zu fangen. Nicht in echt natürlich, nur am Smartphone – per Augmented-Reality-App.

Virtuelle Dinge und Wesen in die Realität zu projizieren – das kann auch richtig Sinn machen und Nutzen stiften. Bei Porsche-Monteuren zum Beispiel: Sie arbeiten mit AR-Brillen, in die der Blickrichtung folgend schematische Zeichnungen und Expertenhinweise eingeblendet werden. Auch Boeing-Techniker haben auf diese Weise immer ein Handbuch an der passenden Stelle aufgeschlagen.

Von Augmented zu Mixed Reality

Augmented Reality hilft der Lufthansa, neue Passagierdienste zu erproben – und das Bodenpersonal zu schulen. Möglich macht das Materna aus Dortmund. Der IT-Dienstleister zählt zu den Weltmarktführern im Bereich Intelligent Passenger Solutions – und zeigt das Ganze probeweise in AR.

Mixed Reality (MR) ist das, was Materna als Nächstes vorhat. Gemeinsam mit dem gleichfalls in Dortmund ansässigen Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML werden Anwendungen für Hafenarbeiter entwickelt. Sie sollen zum Beispiel von außen sehen können, was sich in einem Container befindet. Zentrales Gerät ist hier Microsofts HoloLens. Die futuristische Brille blendet neben visuellen auch akustische Signale ein. Der entscheidende Unterschied zu Augmented Reality ist der, dass die virtuellen Objekte perspektivisch passend in der realen Umgebung erscheinen, nicht bloß zweidimensional davor.

MR gilt als die derzeit ultimative Computertechnologie. Umso wichtiger wird, dass sie mit Eyetracking gepaart ist, sprich: die am Kopf getragene Anzeigeeinheit die Blickrichtung des Nutzers erkennt. Blickverlaufsmessung hilft auch, GPU-Leistung einzusparen. Dazu wird nur der Bildbereich detailliert gerendert, den der Nutzer gerade fokussiert. Solches Foveated Rendering zahlt sich besonders bei datenintensiven Virtual-Reality-Anwendungen aus.

Bildung und Erinnerung 4.0

Bei Virtual Reality denkt man an einschlägige Spielhallen, in denen es auf Zeitreise geht oder lebensgefährliche Missionen warten. Aber die hochimmersive Technik ist längst ernsthaft im Einsatz, zum Beispiel in der Medizin, wo sie hilft, Ängste zu überwinden oder am virtuellen Patienten das Operieren zu üben. Auch in anderen Bereichen dient VR der Gesundheit: Angehende Feuerwehrleute wappnen sich in VR unbeschadet für den Ernstfall, Astronauten für das Leben im All.

Virtual Reality schafft also ideale Lernumgebungen für alle Berufe, in denen Anfängerfehler gravierende Folgen haben. Viele spannende Anwendungsfälle tun sich da auf, Reinräume zum Beispiel. In der Industrie gibt es immer mehr davon, umso häufiger müssen Fachkräfte in Reinraumpflege geschult werden, gerade die Reinigungskräfte. Der Dortmunder VR-Anbieter Viality hat zu diesem Zweck ein virtuelles Training entwickelt, das nonverbal vermittelt, worauf es im Reinraum ankommt. Das Trainingsmodul mycleanroom VR erkennt sogar, wenn nicht korrekt gewischt wird, und verdeutlicht das mit virtuellen Schmutzpartikeln. Eine Studie mit dem Bundesinnungsverband belegt, dass die VR-Lösung viel mehr bringt als der bisherige Frontalunterricht – und den Unterrichteten sogar noch richtig Gaudi macht.

VR spielt auch sonst in der Lehre eine wachsende Rolle, vor allem an Hochschulen. Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Graphische Systeme (Informatik VII) der TU Dortmund hat Viality jüngst sogar ein ganz besonderes Kunstwerk in Mixed Reality erstehen lassen. Sein „Mahnmal für die Toten des Krieges“ hatte der jüdische Dortmunder Bildhauer Benno Elkan 1959 zunächst in Gips angelegt, als Modell für eine metergroße Skulptur. Allein sechs Schwarzweißfotos des Modells überstanden den Krieg. Den Programmierern gelang es in über einjähriger Arbeit, das Werk vollständig virtuell zu rekonstruieren. Heute kann man das Mahnmal im Museum für Kunst und Kulturgeschichte mit MR-Brille betrachten. Oder auf der Benno-Elkan-Allee hinterm Dortmunder U per Smartphone.

Ausgezeichnet mit dem DIVR-Award

Im U selbst lädt das StoryLab kiU der FH Dortmund in seine virtuelle Bibliothek Stage 0. Überhaupt sind Deutschlands Hochschulen voll von spannenden VR-Projekten. Oft wissen aber nur Insider davon. Viality-Chef Markus Rall, der sein Unternehmen selbst aus der FH heraus gegründet hat, setzt sich dafür ein, diese Szene sichtbar zu machen. Aus diesem Grund hat der 38-Jährige das DIVR-Institut in Dortmund gegründet. Hier wird der einzige VR-Award ausgelobt, der sich gezielt an Hochschulprojekte wendet. Die Kategorien: Best Concept, Best Impact, Best Tech und Game Changer. Feierlich verliehen wird der Preis in Gelsenkirchen.

Wegen Nachfragen aus der Wirtschaft wird neben dem Hochschulpreis erstmals auch ein Business-Award verliehen. Den feierlichen Rahmen stellt dann am 4. November 2019 das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund. 

 

Fachbeitrag von Isabelle Reiff im Auftrag von eMedia, einer Tochtergesellschaft der Heise Medien GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin “Digitale Woche Dortmund” von August 2019.

Foto: Stadt Dortmund, Roland Gorecki